Julia Ostertag/IJFD SHEKEL-Jerusalem

Was ich am Meisten vermisse, jetzt, wo ich schon wieder in Deutschland bin? Die Offenheit, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen in Israel. Insbesondere die Toleranz und Akzeptanz gegenüber Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Was ich am Meisten an Jerusalem vermisse, jene Stadt, die für neun Monate meine Heimat war? Das Licht! Jerusalem während des Sonnenuntergangs, der Blick vom Ölberg auf die Altstadt; ein Bild, das sich mir tief ins Gedächtnis geprägt hat.

Ich bin mit keinen bestimmten Erwartungen in meinen Freiwilligendienst  gestartet. Es war ein Sprung ins Ungewisse, ich hatte keine genauen Vorstellungen davon, was mich in Israel erwarten würde. Ich war nie zuvor in Israel gewesen, kannte Jerusalem nur aus dem Religionsunterricht als vagen Sehnsuchtsort der Christen und Juden, als politischen Brennpunkt aus den Nachrichten. Israel, das war für mich zu aller erst das Land eines Volkes, welches meine Vorfahren zu vernichten versuchten. Meinen Freiwilligendienst sah ich vor allem als Teil einer verspäteten „Wiedergutmachung“. Schon in Deutschland entschied ich mich für SHEKEL zu arbeiten. Auch dies bot Ungewissheit, hatte ich doch nie zuvor mit schwerst- bis mehrfachbehinderten Menschen zusammengearbeitet. So war der Flug von Stuttgart über Düsseldorf nach Tel Aviv der Startschuss für einen ganz  neuen Abschnitt meines Lebens.

„Where are you from? Germany?- Oh that’s nice, you’re from Berlin? “. Diesen Fragen begegnet man öfters, wenn man als Deutsche in Israel unterwegs ist. Die Menschen sind hier offen, aufgeschlossen gegenüber Fremden.  Das hat mich am Anfang sehr überrascht, hatte ich doch mit Vorbehalten der Israelis gegenüber den Deutschen gerechnet. Während meiner neun Monate habe ich so viel Gastfreundschaft und Freundlichkeit erfahren, erhielt Einladungen zu jüdischen und arabischen Hochzeiten, habe mit Freunden Chanukka und Pessach bei einer israelischen Familie mitfeiern dürfen. Ich habe erlebt, was für eine schöne und vor allem lebendige Religion und Kultur das Judentum doch ist und wie sehr ganz Israel von dieser Lebendigkeit geprägt wird.

Sechs junge Menschen, die sich eine Wohnung teilen? Mit nur einem Badezimmer? Zu zweit in einem Zimmer? Kann das gut gehen? – Ja, das kann gut gehen und es kann sogar so weit kommen, dass man mit genau diesen Menschen die wohl schönsten neun Monate verbringt, die man sich wünschen kann. Man teilt nahezu alles; die großen Sorgen(Zukunftsängste und Existenzkrisen) sowie die kleinen Sorgen (die kaputte Waschmaschine), den Alltag, die Arbeit. Auch hier wächst man, lernt andere Seiten an sich kennen. Und gerade in schweren Zeiten war mir meine WG immer eine wichtige Stütze!                                                                                                                                                                                                                                                                                               Was mich schon in Deutschland sehr für SHEKEL eingenommen hat, war das Leitbild, Menschen mit „besonderen Bedürfnissen“,  so gut wie möglich in die Gesellschaft zu integrieren. So arbeitete ich für neun Monate in einem Apartment in einer Wohngegend in Gilo, in welchem sechs Frauen leben, die sowohl körperlich als auch geistig schwer in ihrem alltäglichen Leben beeinträchtigt sind. Meine Aufgabe war es, sie in ihrem Alltag zu begleiten und zu unterstützen, sei es bei der körperlichen Pflege (z.B. beim Duschen) oder beim Essen. Anfangs noch ein wenig befangen und unsicher, machte mir die Arbeit im Laufe der Zeit immer mehr Spaß und am Schluss konnte ich mich nur unter Tränen von den Bewohnerinnen und Kolleginnen trennen! Natürlich gab es Höhen und Tiefen, aber ich bin so dankbar für eine Zeit lang Teil dieses Projektes gewesen zu sein und mit Orly hatten wir eine Ansprechpartnerin, die immer ein offenes Ohr für die kleinen und großen Nöte ihrer Volontäre hatte. Erwähnenswert ist auch, dass wir ein sehr multikulturelles Team waren, unsere Teambesprechungen waren daher immer sehr unterhaltsam, ein Kauderwelsch von Hebräisch, Arabisch, Englisch, Russisch und DeutschJ

Wichtig für meine Zeit in Israel waren auch die Begleitseminare. Religiöse Minderheiten in Israel, Holocaust und Shoa, politischer und religiöser Terrorismus, mit diesen Themen wird man in Israel unausweichlich konfrontiert. Deshalb will ich diese Seminare auf keinen Fall missen, sie boten mir einen differenzierten und multiperspektiven Einblick in das Innerste der israelischen Gesellschaft. Sie waren stets informativ und durch das Zusammenspiel aus Vorträgen, visuellen Impulsen und Diskussionsrunden auch interessant und aufschlussreich. Vieles hat mich sehr berührt und zum Nachdenken angeregt und meine Zeit in Israel nachhaltig geprägt.

Ich bin sehr dankbar, dass ich neun Monate meines Lebens in Israel verbringen durfte. Ich habe Freundschaften geschlossen, bin durch das ganze Land gereist, durfte verschiedene Religionen und Kulturen kennen lernen. Was mir aber nun am Wichtigsten erscheint: ich habe meinen Horizont ganz entschieden erweitert, habe über den Tellerrand geblickt. Ich habe mich weiterentwickelt  und diese Entwicklung verdanke ich meinem Freiwilligendienst. Ich bin mir ganz sicher, dass ich nicht das letzte Mal in Israel und insbesondere in Jerusalem gewesen bin.                                                                                    Denn wie heißt es so schön:

םבירושלי  הבאה    לשנה

(nächstes Jahr in Jerusalem- ein Spruch aus der jüdischen Pessachliturgie. Traditionell wird der Pessach-Seder mit diesem Wunsch beendet.)