Seminare zum Umgang mit Aggression

Fortbildungsseminare zur physischen Intervention bei Problemverhalten

 

Aggressives Verhalten von behinderten Menschen wurde lange Zeit tabuisiert, nicht zuletzt, weil es nur wenig brauchbare Konzepte für den Ernstfall gab. Im Allgemeinen wurde versucht, bei auftretenden Aggressionen den Betroffenen möglichst schnell und umfassend ruhig zu stellen und das Ende der Störung abzuwarten. Eine weitergehende Diskussion über Interventionsalternativen fand selten statt. Aggressives Verhalten verunsichert nicht nur, sondern erzeugt auch Angst: Angst davor, bei einer Intervention verletzt zu werden oder Angst davor, nicht angemessen reagieren zu können, Angst davor, möglicherweise zu stark zu reagieren und den behinderten Menschen physische wie psychische Verletzungen zuzufügen.

Auf diese Verunsicherungen reagiert Moti Arbel, Direktor des Levzeller Instituts für geistig behinderte Menschen in Herzlia (Israel) mit einem in Deutschland einmaligen Fortbildungsangebot für Mitarbeiter von Einrichtungen, in denen geistig behinderte Menschen mit Problemverhalten leben. Körperliche Interventionen beim Umgang mit aggressiven Verhaltensweisen in der Behindertenarbeit – so der Titel seiner Fortbildungsseminare.

In den zweitägigen Seminaren werden verschiedene Techniken zur körperlichen Intervention erprobt und eingeübt, die dann im Rollenspiel als Simulation eines Ernstfalls zur Anwendung kommen sollen. Die Übungen werden teils auf Video aufgezeichnet, um sie später mit den Seminarteilnehmern besprechen zu können. Gespräche über die Spielsituation und die dort ausgelösten Gefühle sind ein elementarer Bestandteil der Seminare. Im Vordergrund stehen dabei immer der situative Kontext, die Beziehung von Klient und Betreuer und auch Grenzen der Intervention.

Wenn Sprache nicht mehr weiterhilft

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Die Mutter einer schwerstbehinderten, sprachlich nicht kommunikationsfähigen Tochter kommt zu Besuch in die Werkstatt und nähert sich der Gruppe, in der die Tochter arbeitet. Da springt diese auf, greift der Mutter in das volle Haar und reißt sie zu Boden. Ein behinderter Mitarbeiter springt die Gruppenleiterin an, umarmt sie voller Zuneigung und schlingt dabei die Arme unkontrolliert fest um ihren Hals. Ein Mitarbeiter ist über seine eigene Einschränkung bei der Bewältigung manueller Vorgänge erzürnt, weil ihm das Ergebnis nicht so gelingt wie seinem Nachbarn. Er greift zum Holzklotz, wirft damit um sich und schlägt. Ein anderer würgt seinen Kollegen, weil dieser ihn mit Worten oder Gesten sehr gereizt hat.

Solche und andere Ereignisse sind in Förderschulen und Werkstätten von Beginn ihres Bestehens an immer wieder vorgekommen. Die Analyse der Situation und des Verhaltens wie auch Antworten auf die Frage ‚warum‘ gelingt sehr häufig und rasch im Austausch der Fachkräfte untereinander. Die Frage aber, wie man hilfreich eingreifen kann, um Schmerz und Verletzung zu vermeiden, ließ sich lange nicht so leicht beantworten.
Auf der Suche nach Techniken und Lösungsmöglichkeiten fanden wir in den siebziger und achtziger Jahren mögliche Antworten nur über Fachkräfte der Polizei und aus den Selbstverteidigungstechniken. Das hat uns nicht gefallen, weil deren Techniken häufig nicht ohne Schmerzen für die Betroffenen auskamen.
Die einsetzenden Bemühungen waren vornehmlich davon geprägt, dass die Psychiatrie häufiger mit gewaltbereiten Patienten zu tun hatte, die gegen ihren Willen zum Schutz der Allgemeinheit und vor sich selbst in geschlossene Abteilungen eingeliefert wurden und es dabei zu Verletzungen des Personals kam. In den neunziger Jahren stießen wir dann auf ein Angebot der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V., die mit dem Deutsch-Israelischen Verein für Rehabilitation Gießen e.V. zusammenarbeitete. Deren Vorsitzende war und ist bis heute Frau Maren Müller Erichsen, die selbst auch auf Bundesebene in der Lebenshilfe aktiv war. Ihren Kontakten nach Israel verdanken wir die erste Begegnung mit Mardehay (genannt Moti) Arbel. Als langjähriger Direktor der Einrichtung Levzeler Residential Care hat Moti Arbel große Erfahrungen mit gehandicapten Menschen unterschiedlicher Herkunft. Seine menschliche Art und Fachkompetenz ist in seinem Heimatland so anerkannt, dass man ihn immer wieder mit schwierigen Missionen und Aufgaben betraut.

Regelmäßig kommt er nach Deutschland, um in verschiedenen Einrichtungen und Organisationen der Behindertenhilfe Schulungen durchzuführen. Er ist als Referent bei Kongressen der Berufsgenossenschaft (BGW) genauso gefragt wie als Seminarleiter bei der Lebenshilfe, in Bethel oder in zahlreichen Institutionen überall in der Bundesrepublik. Wir schätzen uns glücklich, auf eine mehr als zehn Jahre andauernde Kooperation mit ihm blicken zu können. Diese ermöglichte in den zurückliegenden Jahren auch die Teilnahme von Förderschullehrern und Angestellten von Wohnheimen in den Seminaren der WFB. Moti Arbels besondere Art, mit hoher Empathie auch schwierige Situationen anzugehen und Fachkräfte anzuleiten, hat bislang bei allen Seminar-Teilnehmern hohen Respekt und Anerkennung hervorgerufen. Die besondere Wertschätzung durch seine Angestellten und Bewohner von Levzeler Home in Herzliya (Israel) ist für jeden Besucher erlebbar.

Eine weitere Zusammenarbeit mit ihm ist neben dem Erfordernis regelmäßiger Schulungen eine Bereicherung für die WFB. Sie ist aber auch Anerkennung der eigenen Bemühungen um Verbesserung der Kompetenzen bei allen Angestellten, weil der Referent nur in begrenztem Umfang zur Verfügung stehen kann.
(Text: Ernst Michael Bendorf)

Das Konzept körperlicher Intervention

In den Fällen, in denen die Vorbeugung aggressiver Verhaltensweisen durch Präventivmaßnahmen organisatorischer oder pädagogischer Art nicht mehr greift, können nur noch körperliche Maßnahmen als letztes Mittel eingesetzt werden, um
beide Seiten vor Schmerz und Verletzung zu schützen. Speziell für die Behindertenhilfe wurde von R. Rendell in den USA ein einmaliges Interventionskonzept aus dem Judo und Techniken der Kampfkunst Jiu-Jitsu erstellt und von Moti Arbel in Israel fortgeführt und weiterentwickelt. Die Besonderheit bei allen Übungen ist, dass weder die betreuten Personen noch die Betreuer verletzt werden dürfen oder ihnen Schmerz zugefügt werden darf.

Moti Arbel im Workshop

„Durch ruhigen und professionellen Einsatz der Interventionstechniken kann man einen aggressiven Menschen führen, Abstand herstellen oder ihn zum Hinsetzen bewegen, ohne dass er seine Würde verliert“, sagt Moti Arbel. Dabei sei es wichtig, ihn fast wie in einer Umarmung zu halten und mit ihm zu sprechen, um ihn zu beruhigen und so die Situation zu entschärfen. „Die Techniken müssen geübt werden, damit sie sich automatisieren. Alle Kollegen müssen sie in gleicher Weise beherrschen, um sich im Ernstfall gegenseitig helfen zu können“, so Arbel. Es ist beeindruckend, wie der ausgebildete Sportlehrer in der entspannten Lernatmosphäre des Workshops mit Humor agiert und seine Inhalte in leicht verständlichem Englisch zielgerichtet und in einer liebevoll bestimmenden Art vermittelt. Zum Seminarinhalt gehören vor allem praktische Übungen, Videoanalysen und individuelles Eingehen auf jeden einzelnen Seminarteilnehmer.

Die Techniken 

Die Techniken basieren auf der Nutzung anatomischer Gegebenheiten, wobei immer ein stärkerer Muskel des Betreuers gegen einen schwächeren Muskel des Betreuten arbeitet (z. B. Unterarmmuskel gegen Daumen). Oder es werden Bewegungseinschränkungen der Gelenke genutzt, um z.B. eine geschlossene Hand durch Abwinkeln zu öffnen. Um Schmerzen und Verletzungen zu vermeiden, wird nie gegen die Anatomie gearbeitet.

Wesentliche Elemente der Interventionstechnik

1. Sichere Stand / Fußhaltung
2. Befreiungstechniken
2.1 Befreiung festgehaltener Hände
2.2 Befreiung aus Umklammerung
2.2.1 Umklammerung von vorn
2.2.2 Umklammerung von hinten
2.3 Befreiung aus Würgegriffen
2.4 Befreiung von Griffen in die Haare
3. Maßnahmen gegen Schläge
4. Maßnahmen gegen Bisse
5. Trennen von Personen
6. Führungs- und Haltetechniken

Text und Fotos: Norbert Stevens

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