Willkommen auf den Seiten des Internationalen Jugendfreiwilligendienstes (IJFD)

Florian / IJFD in Jerusalem 2019/2020

Ich bin nun seit knapp fünf Monaten als Volontär in Jerusalem, Israel und es an der Zeit eine Zwischenbilanz zu ziehen. Ich werde in den folgenden Ausführungen auf meine Eingewöhnungszeit (1), meine Arbeit (2), meine Freizeitgestaltung (3) sowie auf eine besonders eindrückliche Begegnung (4) eingehen.

1. Mein Ankommen – oder: Es fährt kein Bus am Sabbat!

Aufgrund beruflicher Verpflichtungen bin ich nicht zusammen mit den meisten anderen Freiwilligen Ende August zum Einführungsseminar nach Israel geflogen, sondern erst Anfang Oktober. Da die wichtigsten Kategorien für meine Buchung eines Flugtickets das Ende meiner Hilfskraftstelle und der Beginn meiner Freiwilligenarbeit waren, stand ich am frühen Samstagabend, 05.10.2019 vor dem Flughafen in Tel Aviv und musste feststellen, dass der erste Zug bzw. Bus erst in drei Stunden fahren würde. Zum Glück wurde ich bereits von drei Mitvolontär*innen erwartet, von denen einer mich in einem Sherut mit nach Jerusalem in unsere WG in Gilo, einer Siedlung im Süden Jerusalem, nahm, die für die acht Monate meines Volontariats mein Zuhause sein sollte. Generell hat es mein Ankommen sehr erleichtert, dass ich bereits zwei meiner insgesamt vier Mitbewohner*innen bei den Vorbereitungsseminaren in Deutschland kennengelernt hatte. Bereits an meinem ersten Tag in Jerusalem besuchte ich das Headoffice von Shekel, der Organisation bei der ich mein Freiwilligendienst leiste, um mich mit Orly zu treffen, die bei Shekel für die Arbeit mit den Volontär*innen verantwortlich ist. Bei dem Treffen bekam ich alle Informationen über meine Arbeitsstelle, vor allem erfuhr ich, dass sie aufgrund von Ferien für eine Woche geschlossen sei und ich erst im Anschluss mit der Arbeit beginnen könne. An sich freut man sich natürlich über einen unerwarteten Urlaub, in diesem Fall kam es mir alles andere als gelegen, da ich mich in einer weitestgehend fremden Stadt befand, in der ich außer meiner Mitbewohner*innen niemanden kannte. Glücklicherweise hatte ich Kontakt zu einem ehemaligen Freiwilligen, der ebenfalls in Jerusalem war, der mir einige gute Tipps, Adressen und Kontakte gegeben hat, sodass ich die erste Woche auf dem Ölberg bei der Olivenernte von ‚Thalita Kumi‘, einer palästinensischen Schule, helfen und selbst erste Kontakte knüpfen konnte.

2. Meine Arbeit – oder: Im Norden nichts Neues

Nachdem ich dann einige Tage in der Hitze Jerusalems auf dem Ölberg gearbeitet habe, begann meine regelmäßige Arbeit in einem Daycenter für Menschen mit Autismus in Ramat Shlomo, einer Siedlung ganz im Norden von Jerusalem. Meine Arbeitsalltag dort lässt sich folgendermaßen beschreiben: da Gilo und Ramat Shlomo die wohl am weitesten voneinander entfernten Orte innerhalb Jerusalems sind, muss ich die Wohnung bereits um 6:45 Uhr verlassen um nach einer Busfahrt von mindestens einer Stunde gegen acht Uhr auf der Arbeit anzukommen. Etwa gleichzeitig mit mir kommen auch die sogenannten „Friends“ in der Einrichtung an und es gibt bis 8:30 Uhr eine Ankommensphase, in der es verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten von Spielen über Puzzlen gibt. Anschließend verteilen sich die Friends auf unterschiedliche Räume, in denen sie dann in Abhängigkeit von ihren körperlichen und geistigen Fähigkeiten einfache Tätigkeiten ausführen. Diese Arbeit wird unterbrochen von zwei Essenspausen (Frühstück und Mittagessen), Ausflüge auf den gegenüber dem Haus liegenden Spielplatz und Musik- und Kunsteinheiten. Meine Hauptaufgabe liegt in der Begleitung dieser verschiedenen Tätigkeiten. Der Tagesablauf ist klar geregelt und wird jeden Tag abgearbeitet, sodass es leider keine große Abwechslung gibt und ich mich sehr schnell an die Arbeit und meine Aufgabe gewöhnt habe.

3. Meine Freizeitgestaltung – oder: Die Vielfalt des Landes erleben

Meine Freizeitgestaltung lässt sich grob in drei unterschiedliche Bereiche unterteilen. Ein erster Bereich stellt mein Engagement in der evangelischen Erlösergemeinde in der Jerusalemer Altstadt dar. Ich besuche regelmäßig Gemeindeabende, Gottesdienste und Vorträge über aktuelle theologische, politische und kulturelle Themen. Diese Vorträge werden in der Regel von sehr renommierten Professor*innen gehalten, die häufig seit längerer Zeit in Jerusalem leben. Ein zweiter Bereich bildet das sogenannte „Studium in Israel“. Dies ist eine Organisation der EKD, die es Theologiestudierenden ermöglicht, ein Jahr lang an der Hebrew Universitiy of Jerusalem zu studieren. Die Leiterin dieses Programmes, die zugleich Pfarrerin an der Erlöserkirche ist, lernte ich nach einigen Monaten kennen und seitdem bin ich assoziiertes Mitglied des Programm, sodass ich regelmäßig an Seminaren und Vorträgen teilnehmen kann, die mein theologisches Wissen über das Judentum und Land Israel vertiefen. Der dritte und letzte Bereich sind die vielen Wochenendtrips, die ich regelmäßig zusammen mit meinen Mitbewohner*innen durch das ganze Land unternehme. Aufgrund des gut ausgebauten Bussystems ist es möglich auch mit wenig Geld das Land zu bereisen und sich so ein Bild von der landschaftlichen und kulturellen Vielfalt des Landes zu erfahren.

4. Ein besonders eindrückliches Erlebnis – oder: Niemals vergessen!

In den fünf Monaten meines Volontariats hatte ich viele verschiedene prägende Begegnungen von denen mir eine in ganz besonderer Erinnerung bleiben wird. Eine meiner ersten Veranstaltungen, die ich von Studium in Israel besucht habe, war ein Zeitzeugengespräch mit Gabriel Bach. Gabriel Bach ist Jurist, vor seiner Pensionierung als Richter am Obersten Gerichtshof in Israel tätig, und ließ uns an diesem Abend an seinem bewegten Leben teilhaben. Er wurde 1927 in Halberstadt geboren und hat durch einige glückliche Zufälle die Shoa überlebt. Nachdem er in England studiert hat, zog er nach Israel um und wurde anschließend durch seine Mitarbeit am Eichmann-Prozess weltberühmt. Dabei war er nicht nur als Staatsanwalt, sondern auch als Leiter des Ermittlungsteam für die Anklage gegen Eichmann verantwortlich, der für die Organisation der systematischen Ermordung der Juden mit zuständig war. Besonders eindrücklich waren seine Berichte und Geschichten, da er sie mit einer unerwarteten Lebensfreude und Lebensbejahung erzählte. Gleichzeitig machte er deutlich, dass kein Tag vergeht, an dem er nicht an Eichmann und den Prozess erinnert wird. Bis heute prägen die schrecklichen Erinnerungen an die Shoa sein Denken und Fühlen. Da eine Woche später der Terroranschlag auf eine Synagoge in Halle geschah, lässt diesen Abend und seine Geschichten nocheinmal in einem anderen Licht erscheinen. Antisemitismus ist kein Phänomen, das in Deutschland angemessen aufgearbeitet worden ist. Diese Erkenntnis bewegt mich seitdem sehr stark und ich frage mich, wie man mit Antisemitismus in unserer heutigen Gesellschaft umgehen bzw. wie man ihn verhindern kann. Eine Antwort werde ich vielleicht in den nächsten Tagen finden, da ich morgen nach Haifa zu einem der vielen Begleitseminare fahre, das sich mit diesem Thema auseinander setzen wird.