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Manuel / IJFD in Jerusalem 2019/2020

Es war Freitag 23. August um 23.47 als das Flugzeug, mit Ziel „Ben Gurion Airport“ nahe Tel Aviv in Israel, auf dem Prager Flughafen in Richtung Startbahn zu rollen begann. An Bord – ich, Manuel, damals 18 Jahre alt mit einer seltsamen Mischung aus Gespanntsein auf die kommenden neun Monate, meine Arbeitsstelle, die Erfahrungen und Begegnungen die ich haben würde und einer totalen inneren Ruhe (die ich mir bis heute nicht erklären kann).

Am Zielflughafen angekommen gab es direkt Probleme mit dem Visa (uns war versichert worden, dass die Visa bereits im System gespeichert sind), aber die wurden gelöst, indem ich vorerst ein 3 Monate gültiges Touristenvisa (die sog. „Bluecard“) bekam.

Dann raus aus dem Flughafen, Erschlagenwerden von der schwülfeuchten Hitze an jenem Augustmorgen um 5.30, rein in das Taxi, welches unsere israelische Ansprechpartnerin Silvi organisiert hatte. Während der Fahrt Angezogenwerden von den fremden Anblick von der Autobahnen aus auf Palmen und verdorrtes Gras, zwischendurch auf die Silhouette der Tel Aviver Hochhäuser, dann wieder dürres Gras, Felder, kleinere Siedlungen und schließlich Haifa, alles verstärkt emotional von mir wahrgenommen durch den Filter der Müdigkeit, die der späten Abflugzeit geschuldet war.

In Haifa begann am nächsten Tag das Vorbereitungsseminar in Israel (zuvor hatten wir auch in Deutschland zwei Vorbereitungsseminare, von den ich eines aufgrund meiner kurzfristigen Anmeldung leider verpasst habe), bei dem auch Volontäre vom DRK und dem ZWST dabei waren. Dadurch konnte ich dort schon viele Kontakte knüpfen, die mir das Einleben vereinfachten, da ich mich nicht mehr so allein fühlte, jetzt, wo ich einige Leute kannte, die auch in diesem für mich noch fremden Land leben.

Nach einigen Seminartagen ging es für mich und einige der anderen Volontäre per organisiertem Kleinbus zu zwei Einsatzstellen in Jerusalem. Dabei war es sehr beruhigend, dass ich mit Benni noch einen Volontär an meiner Seite hatte, mit dem ich nicht nur Wohnung und Einsatzstelle teilte, sondern mich zu allem Überfluss auch noch gut verstand. An unser, vorsichtig gesagt, abgewohntes Apartment in Gilo, dass wir uns damaligen Zeitpunkt zu viert mit zwei weiteren Volontären der Diakonie Mitteldeutschland teilten, mussten wir uns erstmal gewöhnen (im Laufe der Zeit stellten wir fest, dass unsere Wohnung hinsichtlich Größe und Ausstattung zu den besseren Volontärsunterkünften gehörte). Nicht lange darauf fanden wir sehr überrascht heraus, dass unsere Wohnung etwa 1km jenseits der Grenzlinie von 1949 in, von Israel im Sechstagekrieg eroberten Gebiet, lag.

Es folgte noch ein freies Wochenende mit ersten Eindrücken von Jerusalem, u.a. dem Beginn des Shabat an der Kotel (Klagemauer) und schon am Sonntagvormittag wurden wir von einem Worker unserer Einsatzorganisation Shekel abgeholt und zur Einsatzstelle gefahren. Überraschenderweise sprach er als arabischer Israeli Deutsch, da er einige Zeit in Deutschland gelebt hatte. Er führte uns zu einem Apartment im Jerusalemer Stadtteil Malcha, in dem vier Männer im Alter von Anfang 30 bis etwa 60 mit sehr schweren körperlichen und geistlichen Behinderungen lebten. Trotz der Tatsache, dass Konrad einer meiner Mitbewohner auch dort war, da er an diesem Tag auch dort arbeitete (er war etwas eher gekommen und arbeitete zum damaligen Zeitpunkt schon etwa 2 Wochen dort und sollte sicherlich auch etwas als Icebreaker fungieren), war ich die ersten zwei, drei Stunden heillos überfordert und saß mit hin- und herschießenden Gedanken im Kopf auf der Couch. Ich weiß nicht, ob es in dem Fall besser oder schlechter war, dass wir erstmal an der Seite saßen und keine Anweisungen bekamen, den zum einen hatte ich so Zeit die Gedanken erstmal zu ordnen und musste für mich selbst versuchen, mit den „Residents“ (diese von den Workern benutzte Bezeichnung ersetzte Stück für Stück den von Ex-Volontären geprägten Begriff „friends“) zu interagieren und auf sie zuzugehen, was mich sehr herausgefordert hat, da die Vier mit einer Ausnahme sehr in sich zurückgezogen sind. Auf der anderen Seite war ich dadurch, dass ich mich nicht besonders gut auf die Arbeit vorbereitet fühlte (was aufgrund der Unterschiede in der Arbeit in den verschiedenen Einsatzstellen aber auch schwer für jeden konkreten Fall zu realisieren wäre). Allerdings war auch die Einarbeitung sehr oberflächlich (einmal beim Duschen zuschauen, dann die Aufforderung „you shower“ mit einmal halb über die Schulter geschaut bekommen und danach fortan allein), sodass ich oft sehr unsicher war, ob ich alles richtig getan habe. Aber da ich auf Nachfrage auch idR eine erneute Hilfestellung bekamfuchste ich mich mit den vergehenden Wochen und Monaten in die Aufgaben hinein, wurde sicherer und auch selbständiger, was die Aufgaben im Apartment anging, wozu neben dem Duschen, weitere pflegerische Tätigkeiten wie Essen reichen, Windeln wechseln und Ins-Bett-bringen zählen. Dazu fallen natürlich auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten wie Wäschewaschen und -zusammenlegen, putzen, abwaschen an und der dritte und letzte Aufgabenbereich war es, den Residents Möglichkeiten zur sozialen Interaktion zu geben, angefangen vom Reden (einseitig, weil die Residents hier ohne Ausnahme stumm sind) über Musik machen (die meisten Apartments sind im Besitz einer Gitarre und eines Keyboards) bis hin zu Ausgehen in den Park, zum Basketballspiel, in die Mall oder auf größere von Shekel organisierte Ausflüge. Weiterhin kommt im Apartment wöchentlich ein Gitarrenspieler und eine junge Israeli, die im Rahmen ihres National Service (Zivildienst), den sie bei Shekel ableistet, mit den Residents bastelt, auch wenn insbesondere das Basteln meist mehr eine Show für, als eine Aktion mit ihnen ist, da sie wie erwähnt in sich zurückgezogen sind und sie nur teilweise dazu zu bewegen sind sich zu beteiligen.

Manuel / IJFD in Jerusalem 2019/2020

Neben diesem Apartment, welches den Namen „Agamit“ trägt, arbeite ich noch in einem zweiten Apartment mit dem Namen „Tzearim“. In diesem leben 4 Frauen und 1 Mann die alle an den (elektrischen) Rollstuhl gebunden sind, diesen jedoch selbstständig bedienen können. Sie geistlich nur wenig beeinträchtigt, wodurch die meisten in der Lage sind Englisch zu sprechen oder zumindest zu verstehen. Das und das Geschlecht der Bewohner dort verändert meinen Aufgabenbereich stark, der dadurch dort vor allem in der Interaktion mit den Residents liegt, bspw. Spiele spielen, mit dem „Walker“ (einem Laufgestell zum Trainieren der Beinmuskulatur bei Rollstuhlfahrern) oder einfach unterhalten, was langweiliger klingt, als tatsächlich ist, da aufgrund der geistigen Fitness von Seiten der Residents auch häufiger sehr interessante Themen wie bspw. die bereits 3. Wahlen, aufgrund der immer wieder gescheiterten Regierungsbildung in Israel, die Möglichkeiten und Risiken von medizinischem Cannabis oder die Familiengeschichte angeschnitten werden. Außerdem besuchen 3 der Residents von Tzearim wöchentlich eine „Dancing Lesson“ für Menschen mit Behinderung, bei der israelische Freiwillige im Teenager- und Erwachsenenalter mit den Behinderten unter Anleitung zweier Lehrerinnen sowohl paarweise, als auch frei wie in einem Club zu hebräischer und internationaler Electropopmusik tanzen.

Und keinesfalls vergessen werden sollte auch die wöchentliche „Pool Shift“ (Schwimmstunde) mit den Residents, die ein Wochenhighlight an Genuss & Spaß während des Schwimmens und Stress danach beim Umziehen durch ungeduldig wartende Taxifahrer ist (die Residents werden mit den Rollstühlen in speziellen Taxi-Kleinbussen transportiert).

Meine Freizeit gestalte ich zum Teil aus Faulheit, zum Teil den ungünstigen Arbeitszeiten geschuldet unter der Woche wenig kreativ. Abends mal ein Film als WG schauen oder eine Folge Netflix (Shtisel ist eine aus meiner Sicht empfehlenswerte Serie, die das Leben ultraorthodoxer Juden und insbesondere den Druck, dem vor allem jüngere Ultraorthodoxe ausgesetzt sind, anschaulich thematisiert und viele Denkanstöße liefert), manchmal Kartenspiele miteinander spielen, einfach zusammensitzen und quatschen, nach Hause telefonieren oder den Abend einfach allein im Bett liegend mit Insta und YouTube totschlagen (was gar nicht so selten vorkommt -_-). Für Ausflüge ist dann doch eher am Wochenende Zeit, allerdings stößt man da in Israel fix auf ein „Problem“ namens Shabat, durch welches von Freitag- bis Samstagabend keine Busse fahren (abgesehen von den arabischen Bussen in Jerusalem) und auch viele Städte sehr unbelebt sind. Für Ausflüge innerhalb Israels empfiehlt es sich daher, sich unter der Woche freizunehmen oder einen Mietwagen zu leihen, bspw haben wir (8 Volontäre aus Jerusalem und Herzliya) vor kurzem einen Wochenend-Roadtrip in die Golanhöhen unternommen und dabei u.a. die aus der Kreuzritterzeit stammende und sehr gut erhaltene Burg Nimrod besichtigt. Anschließend wollten wir uns die Stadt Safed anschauen, die einige der wichtigen religiösen Zentren des Judentums ist, und wenig überraschend am Shabat beinahe ausgestorben war. Nichtdestotrotz haben wir einige junge Frauen aus New York kennengelernt, die dort derzeit ein einjähriges Thoraseminar besuchen.

Vor allem in der Anfangszeit haben wir an Wochenenden aber viele Ausflüge in die West Bank gemacht. (Hier empfehlen sich Tagesausflüge am Samstag, da bei den Muslimen, die dort die breite Mehrheit innerhalb der Bevölkerung ausmachen, Freitag der heilige Tag ist.) Besonders in Erinnerung geblieben ist hierbei einer, bei dem wir zu dritt nach Hebron gefahren sind. Dort angekommen bemerkten wir sehr viel israelisches Militär auf den Straßen, die einige derselben, temporär zum Schutz der jüdischen Bevölkerung, die an ebendiesem Tag einen Feiertag zu Ehren Sarais, der Frau des „Stammvaters“ Abraham beging, für die arabische Bevölkerung schloss. Kurze Zeit später wurde ich von einem jungen Mann angesprochen, der uns eine Stadtführung anbot, die wir nach etwas beratschlagen und verhandeln schließlich annahmen. Die Stadtführung, die als solche bewertet, eher unterdurchschnittlich war, war dadurch, dass er uns sehr viel von sich und einer NGO, die er gegründet hat, erzählte, trotzdem eine sehr interessante Begegnung, an deren Ende er uns als Sahnehäubchen, durch das Nennen seines Familiennamens (seine Familie war scheinbar sehr bekannt) eine Audienz beim Chef der palästinensischen Polizeibehörde organisierte, dem wir daraufhin unsere Fragen zum Konflikt stellen konnten, die jedoch erwartbar einseitig beantwortet wurden. Nichtdestotrotz eine sehr interessante Erfahrung. Gerade in der West Bank wird man häufiger mit verschieden Aspekten des Nahostkonflikts konfrontiert, die man innerhalb der israelischen Staatsgrenzen nur sehr am Rande mitbekommt: Wenn bspw. arabische Menschen den Bus verlassen müssen, weil sie nicht die richtigen Papiere dabei haben (mit deutschem Pass hat man das Privileg überall hinzukommen und selbst wenn man den Pass mal vergessen hat und nur den Ausweis dabei hat, genügt ein Anruf des Soldaten und die Sache ist geregelt), oder auch Schilder vor vielen arabischen Städten, die israelischen Staatsbürgern die Einreise untersagen, die Bitte im Hostel in Ramallah mit dem Wasser wegen der Rationierung von israelischer Seite, doch bitte sparsam umzugehen, Demonstrationen, Steine werfende Kinder und trotzdem immer wieder nette und hilfsbereite Menschen, mit denen man Smalltalk halten kann, und die sich freuen einen zu sehen.

Zusammenfassend bleibt mir eigentlich nur zu sagen, dass ich dir, falls du dir diesen Artikel durchliest um Ideen für einen Auflandsaufenthalt zu sammeln, Israel sehr empfehlen kann. Cheers.