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Pia / IJFD Beit HaYehidud in Tel Aviv 2019/2020

Ich bin jetzt seit einem halben Jahr in Tel Aviv, also ist die Hälfte meiner Zeit hier um und das bedeutet, es ist an der Zeit, diesen Zwischenbericht hier zu schreiben. Ich wohne und arbeite im „Beit Hayedidot“ in Bavli, einem eher wohlhabenderen Viertel von Tel Aviv, in dem viele Familien wohnen und das direkt an dem größten Park von Tel Aviv, dem Park HaYarkon angrenzt.

Pia / IJFD Beit HaYehidud in Tel Aviv 2019/2020

Bei unserer Ankunft hier haben unsere beiden Chefinnen uns das Gelände gezeigt und haben versucht, uns alle unsere Fragen bestmöglich zu beantworten, uns gleichzeitig aber nicht zu sehr zu strapazieren, weil wir ziemlich fertig von der Anreise waren. Hinzu kam die schwüle Hitze, die wir aus Deutschland einfach nicht gewohnt waren. Trotzdem waren wir natürlich super nervös und hatten viele Fragen. Ich fand es vor allem spannend, meine Mitbewohner; zwei Jungs und zwei Mädchen kennenzulernen. Wir Mädels teilen uns zu dritt ein Zimmer, was rückblickend insgesamt gut geklappt hat, da ich mit meinen Zimmergenossinnen unheimlich viel Glück habe. Aber es ist unglaublich wichtig, Rücksicht zu nehmen, Kompromisse zu machen und vor allem auch die kleinsten Probleme immer lieber früher als später anzusprechen. Das Zimmer ist nämlich wirklich nicht groß und es gibt nicht so viele Möglichkeiten, sich in der Wohnung aus dem Weg zu gehen.

Am nächsten Morgen haben wir die Wohnung dann noch einmal etwas genauer inspiziert und wollten sie so verändern, dass sie sich etwas mehr nach „zu Hause“ anfühlt. Es lag nämlich ziemlich viel Zeugs von den vorherigen Volontären rum und sauber war es auch nicht wirklich. Das haben wir geändert, unglaublich viel weggeschmissen, ein paar Möbel umgestellt und erst dann unsere Koffer ausgepackt. Wir haben uns sofort wohler gefühlt und die Wohnung hat sich mehr nach „uns“ angefühlt. Mit der Zeit haben wir, finde ich, das Beste aus der Wohnung gemacht und ich fühle mich dort viel mehr Zuhause, als ich mir am zweiten Tag hätte vorstellen können.

Nun zur Arbeit; es gibt drei verschiedene Häuser mit verschiedenen Graden von Autismus.

In Nahal, wo die „high functional“ Autisten  wohnen, arbeiten wir nicht, weil die Friends (so nennen wir die Autisten) dort sehr kommunikativ sind und unsere Hebräischkentnisse dafür nicht ausreichen. Hier sind die Friends zum größten Teil in der Lage ihren Alltag alleine zu bewältigen.

In Yam, dem „low functional“ Haus, ist dies nicht der Fall. Keiner von den Friends kann hier alleine duschen, die Friends können hier außer einer Ausnahme nicht reden und ein Friend muss eine Windel tragen. Tendenziell würde ich die Arbeit in diesem Haus als am gefährlichsten beschreiben, weil die Friends hier sich selbst gegenüber, aber auch anderen Friends und vor allem auch Workern gegenüber aggressiv werden können, woran man sich erst gewöhnen muss. Viele der Friends aus Yam können auch, im Gegensatz zu den Friends aus den anderen beiden Häusern,  nicht am Wochenende nach Hause, weil sie entweder zu aggressiv sind oder die Gefahr besteht, dass sie weglaufen.

Eine Mitbewohnerin von mir arbeitet deswegen nicht in Yam, was wir als Volontäre aber auch nicht müssen.

Agam kann man als „Mittelding“ zwischen Nahal und Yam bezeichnen; hier gibt es ein Gemisch aus Friends, die reden oder nicht reden können und nur ein Teil der Friends können aggressiv werden, aber nicht im gleichen Ausmaß wie in Yam.

Es gibt drei verschiedene Schichten: „Waking-up“ von 6-9 Uhr bedeutet, dass wir die Friends wecken, anziehen und Frühstück machen, „morning“ von 9-15 Uhr ist die Betreuung von den Friends, wenn sie nicht arbeiten sind. Das kann alles mögliche bedeuten, von in den Park gehen, mit ihnen backen oder schwimmen gehen , aber oft auch einfach Zeit mit ihnen im Hostel zu verbringen und die Friends sich selbst überlassen.

In der „evening-shift“ von 15 bis 21 Uhr kommen die Friends von der Arbeit zurück. Dann wird zuerst mit allen zusammen Obstsalat und Joghurt gegessen. Danach gibt es je nach Tag verschieden Aktivitäten für die Friends, z.B. Zumba, Musik oder Kunst, bei denen wir die Friends begleiten. Nach dem Duschen gibt es Abendbrot und zum Abschluss der shift müsse alle Friends ins Bett gebracht werden.

Mit der Zeit haben wir Volontäre uns gut eigearbeitet und können die Ticks der Autisten besser einschätzen. Das einzige, was uns von den workern unterscheidet ist, dass wir keine Medizin geben dürfen.

Am Anfang waren wir sehr überrascht davon, dass die worker keine spezifische Ausbildung brauchen, um in dem Hostel arbeiten zu dürfen. So können wir nicht immer die Umgehensweisen der worker mit den Friends verstehen und nachvollziehen, die sich zum Teil auch sehr unterscheiden.

Zusätzlich zu dem Vor-und Nachbereitungsseminar in Deutschland, gibt eine bestimmte Anzahl von Seminartagen in Israel, die bis auf eine Ausnahme in Haifa im Rutenberginstitut statt finden. Auf diese Seminare freuen wir uns immer sehr, weil sie eine schöne Abwechslung zu unserem Arbeitsalltag und zum größten Teil interessant sind. Außerdem ist es immer sehr schön, sich mit anderen deutschen Volontären von den unterschiedlichen Einsatzstellen zu unterhalten und sich über die Arbeit oder generell über das Leben in Israel auszutauschen.

Jetzt zu dem Thema Freizeit; ich persönlich glaube, dass es sehr wichtig ist, sich einen Ausgleich zur Arbeit zu suchen.  Ich gehe zum Beispiel regelmässig ins Fitnessstudio, das direkt nebenan ist. Das hilft mir sehr dabei meinen Kopf freizubekommen. Gleichzeitig ist ein Hobby auch praktisch, um Einheimische kennenzulernen. Das hilft erstens enorm beim Zurechtfinden und Ankommen im Land und zweitens verhindert es, nur Kontakt mit anderen Deutschen zu haben.

Was ich an Tel Aviv liebe ist, dass es eine riesige Auswahl an Cafés, Bars und Clubs gibt und wir selbst nach einem halben Jahr hier immer weiter neue Lieblingsorte entdecken. Und natürlich gibt es auch noch den Strand! Langweilig wird uns also selten hier.

Allen, die mich fragen, wen ich so in Tel Aviv kennengelernt habe, erzähle ich als erstes von Boaz, meinem Lieblingstrainer aus dem Fitnessstudio. Vom Alter her könnte er mein Opa sein und tatsächlich fühlt sich das mittlerweile auch schon ein bisschen so an. Er ist eine interessante Persönlichkeit und hat unglaublich viel Lebenserfahrung, deswegen mag ich es mich mit ihm zu unterhalten und könnte ihm stundenlang zuhören. Außerdem kennt er sich sehr gut mit der Geschichte von Israel aus und kann Erlebnisse vom Krieg und einer Karriere als Gyrokopterpilot aus erster Hand erzählen.

Am Anfang haben wir uns immer nur im Fitnessstudio unterhalten, mittlerweile macht er an seinen freien Tagen mit meinen Mitbewohnern und mir Trips durch Israel und zeigt uns sein Land, was er von ganzem Herzen liebt. Wir waren zum Beispiel am Toten Meer und am See Genezareth, aber unser Highlight war definitiv Eilat. Natürlich gibt es zu jedem Ort, an den wir fahren, Geschichten. Ohne Boaz würde ich Israel wahrscheinlich nicht halb so gut kennen. Die Geschichten und natürlich auch die Ausflüge werde ich, wieder zurück in Deutschland, vermissen und ich bin mir sicher, dass wir Kontakt halten werden.

Wer hätte gedacht, dass mein bester Freund in Tel Aviv ein Rentner ist ?

Mein schwerstes Erlebnis bis jetzt war es, weit weg von zu Hause krank zu sein. Im Nachhinein konnte ich daraus aber auch etwas Positives mitnehmen und zwar das Gefühl, hier gebraucht zu werden. Es ist ein gutes Gefühl, bei der Arbeit oder auch im Fitnessstudio vermisst zu werden, wenn man für ein paar Tage nicht da ist. Dadurch hat sich mein Empfinden, hier gut angekommen zu sein, verstärkt.

Zum Abschluss dieses Berichts habe ich noch einen Filmtipp für euch: „alles außer gewöhnlich“ ist ein berührender Film der in einigen Szenen unseren Arbeitsalltag ziemlich gut veranschaulicht.